Klaipeda /Memel

Nachfolgend ein kurzer Auszug aus einem neuen Aufsatz.

Juden in Klaipeda

Der Hafen, der Handel, die guten Bedingungen für eine industrielle Entwicklung, die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen und die erleichterten Möglichkeiten zur Auswanderung motivierten viele Juden nach 1923, sich in Memel anzusiedeln. So kam auch der Glashändler Rabinowitz aus Plunge mit seiner Familie in die Stadt. Unter den Zugezogenen waren Juden, die aus Kaunas stammten und ihre Diplome in Deutschland erworben hatten, wie der Arzt Leon Rostowski, der dann dem Jüdischen Krankenhaus vorstand, aber auch Juden, die aus Rußland stammten, wie die Familie des Flachshändlers Boris Segalowitz (aus Witebsk). Eine andere Gruppe bestand aus litauischen Juden, die während des Weltkrieges in das Innere Rußlands verbannt worden waren und jetzt anläßlich ihrer Rückkehr freie Ortswahl treffen konnten, so z. B. der Kaufmann Zalman Hillmann. In den dreißiger Jahren kamen vor allem Arbeitskräfte aus der Provinz, die froh waren, während der allgemeinen Krise Anstellungen in Memeler Industriebetrieben zu finden.

Die litauische Regierung war erfreut über den Anstieg der jüdischen Bevölkerung, da ihrer Meinung nach die Juden gemeinsam mit den Litauern die deutsche Mehrheit merklich schwächten. 1928 betrug ihre Anzahl bereits 4.500, d.h. die Anzahl der Zugezogenen überwog bereits. Allerdings muß man bei der Bewertung dieser Zahlen auch das allgemeine lebhafte Wachstum der Stadt berücksichtigen (1918: 20.884 Einwohner,1.1. 1936: 47.412 Einwohner). Die Stadt erlebte einen verblüffenden Aufschwung.

Statistiken

Verschiedene Statistiken nennen unterschiedliche Zahlen. So gibt es bereits eine Zahl von 2008 Juden für 1910, während die preußische Statistik für das gleiche Jahr 851 jüdische Personen anführt. Zum Stichtag 20.09.1920 wurden für das gesamte Memelland 1.350 Juden angegeben, eine Zahl, die der in Memel lebende Rechtsanwalt Rudolfas Valsonokas als unglaubwürdig gering kommentiert. Derselbe Autor vermerkt, daß bis Anfang 1932 ca. 2.000 Juden aus Großlitauen zuzogen, die sich hauptsächlich in der Stadt Klaipeda angesiedelt hätten und fügt hinzu, daß die Statistik der jüdische Gemeinde Klaipeda für Anfang 1932 insgesamt 888 jüdische Familien als Mitglieder vermeldete.

Verschiedene Quellen nennen für 1938 - 6.000 Juden (12, 5%) und für 1939 - 7.000 Juden (14%) bei einer gesamten Stadtbevölkerung von 51.000. 9.000 Juden sollen 1939 die gesamte Region verlassen haben. Da die Abwanderung der Juden aus Stadt und Region nachweislich schon 1938 einsetzte, müssen die Zahlen für die jüdische Bevölkerungszunahme 1938-1939 noch einmal hinterfragt werden. Denkbar könnte sein, daß sich in jenem Zeitraum viele Juden zeitweise in der Stadt aufhielten um eine Ausbildung für die Auswanderung nach Palästina (Haschara) zu durchlaufen. Mike Rabinowitz hingegen gibt an, daß sich viele Juden aus Deutschland und Österreich vor 1939 zeitweise in Memel aufhielten.

Bereits zum 1.12.1938 untersagte das Direktorium sämtliche Ausverkäufe; trotzdem nahm die Auflösung jüdischer Geschäfte zu. Schon bald lautete die Zeitungsschlagzeile in Kaunas: "In Klaipeda werden jüdische Firmen liquidiert"

Die "Kredit- und Kommerzbank" von Jawschitz liquidierte mit Abschluß des Jahres 1938 und verlegte ihren Sitz nach Kaunas.

Eine Kaufmannsfrau berichtet: "In Memel kehrte sich der nationalsozialistische Charakter immer mehr heraus. Immer mehr hörte man auf den Straßen Aufforderungen, das Litauerjoch abzuwerfen, sich dem Führer anzuschließen; ganz laut wurden Nazilieder gesungen. Für uns Juden waren das gewiß keine angenehmen Klänge. Ich, die ich viele Freundinnen unter den christlichen Memlerinnen hatte, mußte wahrnehmen, daß ein Teil von diesen den Kopf abwandte, um, mich nicht zu grüßen. Doch habe ich keineswegs vergessen, daß einige, weil ich nun selbst den Kopf wegdrehte, mir 'guten Tag' zuriefen und mich abstellten, um zu zeigen, daß ich in ihren Augen dieselbe geblieben war. Meiner sechzehnjährigen Tochter, die blond und blauäugig ist, wurde öfters von Jugendlichen zugerufen: "Heil Hitler, komm heute auf den Ferdinandsplatz, da ist Versammlung." Das erschreckte mich sehr. Mein Mann war damals schon geschäftlich nach England gefahren und kehrte nicht mehr zurück. Ich allein mußte alle Entscheidungen treffen."

Die Mehrzahl der jüdischen Flüchtlinge konzentrierte sich in Kaunas. Die Ratlosigkeit war groß, hektisch wurde nach Alternativen gesucht. Bereits am 26.März 1939 formulierte Dr. Martin Rosenblueth vom Central Bureau for the Settlement of German Jews einen Brief an das Immigration Department der Jewish Agency for Palestina in Jerusalem:

"Sehr geehrte Herren, Wir schicken Ihnen in der Anlage Kopie unseres heutigen Briefes an das Palästina-Amt Kaunas, das uns einen ganz verzweifelten Brief wegen 3000 Flüchtlingen aus Memel geschrieben hat.

Wir glauben wirklich, daß man in irgend einer Weise helfen muß, und daß überhaupt das Refugee-Problem jetzt solche Dimensionen annimmt, daß eine Refugee-Quote von 25 oder 35 Zertifikaten in keiner Weise den Ansprüchen gerecht werden kann."

Es fanden sich Ausreisemöglichkeiten für junge Leute nach Palästina, deren Zahl aber ganz und gar nicht die Nachfrage decken konnte. Wenige Monate später begann der Zweite Weltkrieg und eine Welle polnisch-jüdischer Flüchtlinge schwappte nach Litauen, vor allem nach Vilnius, aber auch nach Kaunas, wo sich nun immer mehr Juden hektisch nach Fluchtmöglichkeiten aus Litauen erkundigten. Inzwischen benötigten die Memeler Juden neue Pässe, denn die memelländischen Pässe verloren Ende 1939 ihre Gültigkeit. Schon am 23. März 1939 erließ Deutschland ein Gesetz, daß diejenigen Memelländer, die am 30. Juli 1924 litauische Staatsangehörige geworden waren und ihren Wohnsitz am 22. März 1939 im Memelgebiet oder in Deutschland hatten, wieder die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten würden. Während der Verhandlungen zum Vertrag zwischen Litauen und dem Deutschen Reich über die Staatsangehörigkeit der Memelländer, die am 8. Juli 1939 in Kaunas abgeschlossen wurden, einigten sich beide Parteien schließlich darauf, daß alle Personen, die die litauische Staatsangehörigkeit wünschten, sie innerhalb einer Frist beantragen könnten. Die litauische Regierung zeigte sich den memelländischen Juden gegenüber großzügig und erteilte ihnen litauische Pässe.

1940 besetzten sowjetische Truppen Litauen, das Land wurde Sowjetrepublik. Hebräischunterricht wurde nun verboten bzw. durch Jiddisch ersetzt, jüdische Wissenschaftler verhaftet. Ausländer und Kapitalisten galten als verdächtig, darunter fielen auch die wohlhabenden der Memeler Flüchtlinge. Zahlreiche Familienunternehmen wurden enteignet. Boris Segalowitz erhielt beispielsweise die Aufforderung, von Panevezys nach Kaunas zu ziehen, er galt als verdächtiger Deutscher. Im Juli 1940 forderte die sowjetische Regierung alle diplomatischen Missionen auf, Kaunas zu verlassen. Nur der holländische und der japanische Konsul leisteten dem Befehl nicht unmittelbar Folge. In den ihm verbleibenden 20 Tagen gab der japanische Konsul Sugihara in Kaunas an jüdische Flüchtlinge Ausreisevisa aus. Unter den bis heute erfaßten 2.139 Visainhabern waren 2% deutsche Juden, darunter auch Memeler. Wieviel der memelländischen Juden unter die sowjetischen Repressalien der Jahre 1940/1941 fielen, ist noch nicht ausgewertet worden.

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